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Der Vagabund

Aus den Heften »Ich, Kaiser der Clochards«

Ein Handwerker war ich vor der Wende, und kein schlechter, ständig hab ich ausgebaut und meinen Betrieb vergrößert. Bis '89 wurden wir von den Roten stiefmütterlich behandelt, als ein notwendiges Übel: Die Materialversorgung lief nur nach Verteiler. Wir hatten keine Probleme, unsere Erzeugnisse loszuwerden, fühlten uns aber wie Fremde. Während der ersten demokratischen Wahlen stand man mauerfest hinter einem freien Polen und hinter der Demokratie. Ein Großteil der Polen verbiß sich, ohne Zurede von außen, gegen die Russkis und den Kommunismus. Also auf zum Kapitalismus, aber mit der Freiheit und Demokratie stiegen die Preise für Energie und fürs Fressen um eine Null im Monat, die Bankzinsen für Kredite um zwei Nullen, alles begann Bankrott zu machen, selbst Krankenhäuser und Schulen. In Krankenhäusern mußte man Geld für alles abdrücken, obwohl die Versicherung bezahlt war. In den Schulen wurde Entgelt für die Heizung erhoben, damit die Kinder nicht erfroren. Ein Schüler klaute dem anderen das von zu Hause mitgebrachte Essen. Der Pfarrer schiß während der Messe die Leute zusammen, daß sie sich vor der Kollekte drückten ndash; woher sollten die Priester sonst Geld für den Meßwein und den Sprit für ihren Mercedes bekommen? Der Totengräber klagte nicht, dafür aber der Steinmetz, der verdammt noch mal immer eine Menge Arbeit gehabt hatte, jetzt jedoch konnte kein Mensch mehr das Geld für einen Grabstein aufbringen.

Wir, die polnischen Handwerker, die den Kommunismus überstanden haben, uns weiterentwickel haben und die Roten immer schon verdammten, waren plötzlich baff. Wir begriffen, daß man uns gefoppt hatte, und daß es sich jetzt nicht mehr schickte, die Geschichte zurückzudrehen. Wir dachten, das Zeug zu Kapitalisten zu haben, aber jeden Augenblick stieg einer von uns mit leeren Taschen aus dem Spiel aus, unsere Innungen verloren den Boden unter den Füßen, die Reihen der Mitglieder schmolzen wie Eisschollen auf dem Fluß; wir hatten keine Rezepte für die Zukunft. Die Menge konnte der Vereinigungsmitglieder ging gegen Null. Unter uns war ein Produzent von Angelposen, der sich vor lauter Aufträgen kaum retten, weil die Leute wegen der plötzlichen Arbeitslosigkeit anfingen, um die Zeit totzuschlagen, und des kostenlosen Fressens willen, wie wild zu angeln. Aber wir, der Rest, konnte nichts mehr losschlagen. Die Leute in Polen brauchten auf einmal nichts mehr, früher ging alles weg, jetzt hatten sie uns nicht mehr nötig, also qualifizierte sich ein Teil von uns zu Handelsleuten, und die weniger ernsthaften ndash; zu Marktbudenbesitzern und Klinkenputzern. Ein sehr schwacher Fotograf, der letzte Saufkopf, machte einen Puff auf und kam so auf die Beine. Zum ersten Mal in seinem Leben hörte er auf, Geld zu pumpen auf ein Nimmerwiedergeben. Personen ähnlicher Kategorien ndash; Diebe, Schieber, Hochstapler und Menschen ohne Skrupel, jetzt Businessleute genannt, begannen im Land Geschäfte zu machen. Im übrigen stellte der Präsident des freien Polens fest, daß man seine erste Million klauen sollte. Regierungsberater soufflierten, daß man seine Produkte besser in Paris, Wien oder London loswerden würde, weil die Nachfrage hierzulande sich erst in Jahren erholen werde. Und ich? Pfiff gerade auf dem letzten Loch, den Gerichtsvollzieher im Nacken und die Ex-Ehefrau auf ihren Vermögensanteil wartend. Zwei Freunde, gute Handwerker, legten sich die Krawatte um den Hals. Ein paar andere übereigneten dem Staat ihre Häuser und verstärkten so die Reihen der Obdachlosen. Worauf sollte ich noch warten? Ab nach Wien, und neue Absatzmöglichkeiten erschließen! Ich bin noch nie zuvor da gewesen, aber was spielte das schon für eine Rolle? Man mußte es versuchen. Und so verließ ich zum ersten Mal mein Land.

Österreich war der erste Staat, der für uns seine Grenze öffnete. Als die Truppe in Bewegunggeriet, wurden die Österreicher um ein Haar zu einer Minderheit im eigenen Land. Der Grenzübergang ähnelte einer Pforte ins Paradies. Ihre Zöllner-Himmelsrichter trieben uns wie Hammelherden, beschimpften uns wie Kinder und spuckten auf uns, wie man auf Nutten spuckt, aber das ging allen am Arsch vorbei. Das Ziel war klar ndash; Austria, das Land des Wohlstands. Der einzige Staat in Europa, der für uns offenstand. Die Deutschen waren im Begriff, sich zu vereinigen, hatten ihre eigenen Probleme, was sollten sie also mit uns?

Ich kam in der Nähe von Wien unter, in Traiskirchen, weil dort, wie man hörte, ein Lager für politische Asylanten war. Man hat uns aber nicht aufgenommen, sagte nur, daß in Polen doch jetzt Freiheit herrsche ndash; aha, Hungerfreiheit, glaub ich, verdammt. Das wäre eine Chance auf ein ruhigesÜberleben gewesen, wenn man uns aufgenommen hätte, aber daraus wurde nichts. Neben dem Lager hielten tagsüber Autos von Arbeitgebern, die Beschäftigung anboten. Ich schuftete wie ein Sklave. Gott hat mich bestraft, unter den Roten hatte ich keine Lust zu arbeiten, aber beklagt haben wir unsständig. Jetzt ndash; bloß eine Arbeit haben, egal was. Einem Österreicher-Schwachkopf, der den Leuten lauthals Beschäftigung angeboten hatte, haben Arbeitswillige die Autotür abgerissen, so groß war das Gedränge.

Als einem, der etwas erfahrener war, ist es mir gelungen, einen Platz zum Schlafen zu erschnüffeln, dessen Direktor ich dann auch wurde. Es war eine alte, verlassene Fabrik, und das einzig Gute daran war: Sie hatte ein Dach ndash; es regnete nicht auf den Kopf. Das Hotel war international, aber ohne Sterne, weil kein einziger dafür geblecht hatte. Im Sommer wunderbar, im Winter polar. Unsere alten Bettdecken und Schlafsäcke bedeckte Reif, sie wurden steif wie Eisschollen. Darunter wurde der eigene Atem zur Heizung. Natürlich zog sich keiner von uns aus, wir wuschen uns nicht, weil der Fluß zugefroren war und man sich nirgendwo sonst waschen konnte. Im übrigen ist die Schmutzschicht fetthaltig ndash; das schützt vor Kälte. Als ich mich einmal zwei Monate lang nicht wusch, brauchte es, um den Gestank loszuwerden, ein zweitägiges Einweichen in der Badewanne.

Das Leben eines Obdachlosen hat seinen Zauber, weil man nichts besitzt und deshalb frei ist, nur daß man die restliche Welt wie durch eine Schaufensterscheibe betrachtet. Die einzige Zerstreuung, die wir hatten, war das Weintrinken in einer christlichen amerikanischen Mission.

Das war der sicherste Platz vor Polizeikontrollen in Traiskirchen, und nur dort konnte man abends einen Plausch halten oder sich im Winter bei heißem Kaffee etwas aufwärmen. In dieser Ortschaft fuhren allerlei Polizeikontrollen durch die Gegend, und es war unmöglich, in Ruhe die Straße zu überqueren oder sich in den Park zu setzen, weil, sobald eine Streife näher kam, sich die Leute mit aller Kraft in den Beinen in alle Richtungen zerstreuten, als würden sie um ihr Leben rennen. Diejenigen, die man mit einem Aufenthalt über zwei Wochen ohne Obdach erwischte, unterstanden der Deportation in die Slowakei oder nach Tschechien. Schon nach ein paar Stunden war man wieder in der Armut angelangt, des Paradieses beraubt und in Schwierigkeiten: Wovon leben? Denn in der Religionsmission des mächtigen Landes lebte man wie der liebe Gott in Frankreich, die Bullen konnten einem an der Pupe schmatzen. Dort war es möglich, sich in Ruhe mit seinen Leuten zu treffen.

Man versuchte, uns zu irgendeiner Abart des christlichen Glaubens zu bekehren, und wir leisteten keinen Widerstand. Theoretisch ließen wir uns darauf ein, mochten es aber nicht, wenn man uns während der Missionierung nicht unseren Wein trinken ließ, dann war Schluß. Unter den Polen hatten sie augenscheinlich ein schwaches Missionsergebniss und später mochten sie uns gar nicht mehr. Trotzallem gingen wir dorthin, denn wohin konnte man sonst schon gehen? Überall Polizei, und im Hotel ndash; Dunkelheit und Kälte, nicht einmal Kaffee konntest du aufsetzen.

Dafür wurde es in unserem Quartier von Zeit zu Zeit auch interessant. Unsere Bündel, mit allem drin, was wir besaßen, behielten wir unter dem Kopf. Auch das Essen. Nachts bekamen wir ungebetene Gäste. Diebe in Gestalt von Feldmäusen. Sie fanden Gefallen an den Weizenbrötchen und es störte sie nicht, daß die Bündel uns als Kopfkissen dienten. Ein Loch in den Sack hineingebissen und ndash; ran an die Schrippen! Nachts weckte uns das Knirschen von Mäusezähnchen. Eine absolute Frechheit und Ignoranz Menschen gegenüber! Wir versuchten mit verschiedenen Mitteln den Kampf gegen sie aufzunehmen, wurden aber immer wieder überrumpelt.

Der zweite Treffpunkt war ein österreichischer Bauer, Josef, ein aufrichtiger und rechtschaffener Mensch. Er wurde zu unserer Bank, bei ihm haben wir unser verdientes Geld aufbewahrt, und manchmal gab es auch Arbeit. Er machte guten Wein, zahlte aber schlecht, weil er selber nicht viel hatte. Gut bezahlte Maloche schnappten wir am Lager auf, wobei es manchmal Arbeit gab und ein anderes Mal die Bullen im Nacken. Man durfte sich nicht schnappen lassen ndash; das hatte die sofortige Abschiebung zur Folge. Als mich eines Winters die Polizei jagte, schwamm ich, um die Verfolger abzuschütteln, vollständig bekleidet über den Fluß (man war schließlich mal Tauchlehrer) und flüchtete in den Wald. Dort fühlte ich mich endlich frei. Schließlich war ich doch in einem freien Europa. Nicht einmal kalt ist mir gewesen, obwohl das Wasser in einem fort aus meinen Klamotten triefte. In unserem Waldhotel bei 20 Grad minus angelangt, riß ich mir die Kleider vom Leib und schlüpfte unter die eiskalten Decken. Meine Mitgenossen gaben mir ihre Reservesachen, und schon am nächsten Tag war ich wieder quicklebendig wie ein Fisch im Wasser, nur das Lager habe ich eine Zeitlang gemieden.

Später holte ich meinen Freund, einen Keramiker, nach Österreich. Früher stellte er große Vasen her, für die er pro Stück bis zu zehn Flaschen Wodka bekam. Jetzt, in der freien Heimat ndash; eine halbe Flasche. Wer brauchte in dieser Armut Vasen? Er ging pleite, ohne Konkurrenz zu haben, und da er zwei Kinder großzuziehen hatte, nahm ich ihn auf eigene Kosten mit. Er kam gut zurecht, obwohl er von der Sprache keinen Schimmer hatte. Einige Zeit später endete es tragisch. Ein betrunkener Einheimischer wollte wohl die am Straßenrand laufenden Ausländer erschrecken. Zwei schafften es, zur Seite zu springen, ihn aber küßte der Tod. Dieser betrunkene BMW-Fahrer hat sich da rausgewunden, nicht einmal gesessen hat er, und die Witwe bekam nur eine kleine Entschädigung und mußte ihre beiden Kinder alleine großziehen. Der Botschafter Polens in Wien war damals ein gewisser Herr mit einem fragwürdigen Professorentitel, der später mehrfach polnischer Außenminister wurde. Er beschäftigte sich mit allem, nur nicht mit der Botschaft, folglich war das Tohuwabohu dort so groß, daß die Familie meines Freundes erst zwei Wochen nach seinem Tod benachrichtigt wurde. Wahrscheinlich gab's einen Anschiß von den Österreichern, daß die Kühlhäuser überfüllt sind, und die Gegenseite war somit endlich gezwungen, mit den Partys aufzuhören und zu reagieren. Mit meinem Freund gemeinsam habe ich begonnen, mit Ton zu arbeiten, und obwohl wir zu Anfang nicht die grüne Bohne wußten, kamen wir ganz gut zurecht. Eine große Freundschaft hatte uns immer verbunden.

Dreimal überquerte ich die sogenannte grüne Grenze nach Österreich, und ich muß sagen, daß sie von den Soldaten nur schwach bewacht wird. Die machen sich überhaupt keine Sorgen da, wie zu Schwejks Zeiten. Am Ende haben sie ein dreijähriges Einreiseverbot über mich verhängt, aber ich bin seit zehn Jahren nicht mehr dagewesen. Ich werde Wien besuchen, ist versprochen, und das Lager auch.



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