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Aufruf zum 1. Mai

Aus den Heften »Ich, Kaiser der Clochards«

Ich lebe in ewigem Stress, die Berliner sind gehässig, plagen mich immerfort, ich solle mir was Neues ausdenken. Aber ich bin keine Maschine, sondern ein Mensch und außerdem ein Paria, kein Intellektueller, sondern ein Überlebenskünstler. All die Jahre quälte mich das Fieber: Wieder was neues! Davon bin ich reizbar geworden, führe Selbstgespräche, wenn ich esse und trinke, als ob ich gehetzt würde. Ich kann mich nicht normal unterhalten, bin barsch und eingebildet. Die Berliner haben meine Psyche kaputt gemacht, indem sie die Latte immer höher und höher legten. Eines Tages werde ich kopfüber runterfallen und im Irrenhaus landen. Dann haben beide Seiten ihre Ruhe, aber solange meine Sinne gesund sind, gebe ich mich nicht geschlagen, strenge meinen Kopf an, will was Neues liefern. Bloß was? Und das auch noch ein paar Monate im voraus, denn meine Mitarbeiter hießen nicht nur so, sie waren auch wirklich Versager. Es war ein Kreuz mit ihnen.

Heilig Abend, das schönste Fest. Der Tisch reich gedeckt, dazu Weihnachtslieder über denUrsprung des Lebens. Meine Besinnlichkeit wurde leider von einem Zwiespalt beschlichen. Überwintern wollte ich in Polen, um Ende April wieder in Berlin zu sein. Doch womit? Die Sorge verdarb mir den ganzen Heiligen Abend. Ich war regelrecht in Panik, denn bis Mai musste ich mir was ausgedacht haben. Und als das Wort »Mai« in meine Gedanken tropfte, kam mir eine Idee: Der Tag der Arbeit! Ich und die Kommunisten, die Partei der Macht ndash; wir hatten nicht viel gemein, doch uns verband der Marx'sche Gedanke. Und weil ich zum Lumpenproletariat gehörte, beschloss ich, an diese Gruppe zu appellieren.

Ich fertigte ein Plakat mit der Überschrift »Aufruf zum 1. Mai«, in großen roten Buchstaben. Darunter meine Adressaten: »Huren, Bettler und Künstler«, damit verbrüderte ich die Parasiten der Gesellschaft, die keine Steuern zahlten. Frei heraus schrieb ich:

»Vereinigt Euch, die Zeiten werden immer beschissener, immer schlechter!«

In weiteren Zeilen erläuterte ich die Gründe:

»Unsere Freundinnen, die Huren, werden ihren Arsch für eine Kippe und ein Bier hergeben müssen.«

Dann kam mein Milieu:

»Bettler gibt es immer mehr und niemand lässt sich mehr eine sogenannte Obdachlosenzeitung aufschwatzen.«

Zuletzt kamen die am schwersten geschädigten Unglücksraben, die Künstler. So ein Leben mag für junge Sterbliche angenehm sein, aber der Gesellschaft schadete dieses Parasitentum.

»Die Künstler kann man in ein paar Divisionen zusammenfassen, am besten den Amerikanern als Wunderwaffe schicken, damit sie die Kolonien demoralisieren.«

(Anmerkung des Verfassers: Das deutsche Grundgesetz verbietet die Teilnahme an jeglichen imperialistischen Abenteuern.)

Und die Schlussfolgerung:

»Zwar könnte man so das Problem lösen, da das aber nicht geht, nagen sie weiter am Hungertuch.«

Der Anfang des Aufrufs klang logisch, doch kritisieren kann jeder. Schwieriger ist, einen Ausweg zu finden, einen Vorschlag zu machen. Ich fand, wir sollten an einem Strang ziehen und formulierte das so:

»Ich, der Kaiser der Clochards, schlage vor, ein Haus der Freiheit zu bauen.«

Mein ganzes Leben lang hatte ich immer an irgendwas gebaut, ich wusste also, wie man die Sache angeht. Für die Umsetzung brauchten wir Arbeitskräfte ndash; darum brauchte ich mir keine Sorgen zumachen, die gab es im Überfluss, bis zum Überdruss, Baumaterial war auch da. Ich dachte einen Augenblick nach und schlug vor:

»Die Mauern bauen wir aus all den Statuen, die sowieso keiner braucht; für den Putz nehmen wir bildende Künstler.«

Ich hatte Informationen aus erster Hand, von den polnischen Versagern. Demnach hat dort kein Maler je einen Cent verdient, sogar noch Miese gemacht, wenn er auf der Vernissage Wodka anbot. Aber wie sollte das Haus der Freiheit innen eingerichtet sein? Meine Idee war gar nicht dumm: Nackte Hintern sind immer eine Attraktion, natürlich nur die hübschen. Ich schrieb also:

»Die Innenwände werden mit nackten Tänzerinnen geschmückt. Damit sie nicht herumtoben undÄrgernis erregen, werden sie mit Nägeln an den Wänden festgemacht.«

Damit waren die architektonischen Probleme gelöst.

Ich kratzte meine blöde Birne und dachte weiter nach: Wie sollte die Institution arbeiten, um möglichst nützlich zu sein. Ich hatte viele Stiftungen gesehen, immer am Tropf des Staates. Um uns wird sich keiner kümmern, wir müssen selbst klarkommen. Mein Verein wird keinen Arsch lecken! Der Zugang zu den Salons ist uns verwehrt. Zum Teufel mit euch! Wir kommen allein zurecht. Vor Wut auf die Bürokratie überlegte ich mir folgendes:

»Die Fußgänger werden von den Verkäufern der sogenannten Obdachlosenzeitung attackiert und in die offenen Türen des Hauses der Freiheit gejagt.«

Ich sann weiter nach, was mit den eingefangenen Kunden geschehen sollte:

»Im ersten Saal wird der Gast vom Orchester des Schreckens begrüßt. Jeder Musiker spielt nach seinem Gusto. Der so Ertaubte flieht in den nächsten Saal.«

Wieder musste ich mir was neues ausdenken, die Handlung musste sich steigern, ich schrieb:

»Dort wird der Gast von Theaterschauspielern empfangen, die Harakiri ausführen. Der Gast flieht schockiert und angewidert in den nächsten Saal.«

Das ewige Ausdenken begann, mich zu langweilen; ich beschloss, den Deliquenten fertig zu machen:

»Im letzten Saal nehmen ihm die Huren das Portemonnaie weg, der Erlös wird folgendermaßen aufgeteilt ...«

Was gibt am wenigsten Ärger? Es gab niemanden im Reich, den ich hätte um Rat fragen können, der Kontakt zum Heiligen Petrus und zum alten Spatzen war abgerissen. Ich pfiff mir zwei Klare rein, mein Kopf wurde klarer und mir kam ein salomonischer Gedanke, der alle Bedürfnisse ordnen sollte. Das notierte ich folgendermaßen:

»Scheine größer als fünfzig ndash; für die Huren; kleiner als fünfzig für die Künstler; das Kleingeld für die Bettler.«

Ich atmete erleichtert auf. Das Problem mit der Kohle - das größte der Menschheit - war jedenfalls gelöst. Gut, aber wie sollte ich sie nun unter der Fuchtel halten? Schließlich war ich Kaiser, keinBuchhalter. Wen sollte ich also mit der Ausführung meiner Überlegungen beauftragen? Ich bohrte nervös in der Nase und da - statt eines Popels die Idee: Die besten Antreiber sind Regisseure, wenn die ein Drehbuch in die Hand kriegen, setzen sie es penibel um, haben Erfahrungen im Geldaufteilen und jagen keinem Kleinvieh hinterher. Ich entschied mich ohne Zögern:

»Über dem Drehbuch und der Aufteilung des Erlöses werden die entlassenen Regisseure von Babelsberg wachen.«

Eine Hure hat saubere Hände, sollten sich doch die Lohnknechte streiten. Ich hatte alles erreicht, was ich wollte, mir fehlte nur noch ein guter Schluss für den Aufruf. Vor Nervosität kratzte ich mir den Hintern und hatte schon wieder einen Einfall:

»Scheiß drauf, wir werden weiterleben!«

Unterschrift:

»Der Direktor des Hauses der Freiheit, Kasimir, Kaiser der Clochards.«

Uff, welche Erleichterung, der Appell war fertig. Den Klugscheißern wische ich eins aus und die Berliner geben eine Zeitlang Ruhe.

Doch die Euphorie hielt nicht lange. Der Einfall war erst die halbe Miete, die Umsetzung ein dorniger Weg, Gezanke mit Übersetzern, Grafikern, Druckereien und sonstigen Halsabschneidern. Damit die Buchstaben gut zu sehen waren, sollte das Plakat das Format A3 haben und farbig sein, mit einem Porträt des Kaisers. Mein »Diktator« Krystyna bestand darauf, mein Bild dunkel abzudrukken. Ich wollte lieber ein farbiges, weil ich ja auch so aussehe, aber was sollte ich mich mit dem Weib streiten. Ich nahm also die Kritik demütig und reuevoll hin und gab um des lieben Friedens willen nach, was sonst nicht meine Art ist.

Ohne langes Zicken bestellte ich dreitausend Stück. Was ist das schon für Berlin? Ein Tropfen auf den heißen Stein! Da konnte ich ja nicht mal in jeder Straße eins aufhängen. Und wo waren meine Fans, die Sammler meiner Ergüsse? Wie sollte ich die zerstrittenen Lager versöhnen? Den Stadtrand ließ ich außen vor, ignorierte das Kleinbürgertum, im Grunde hielt ich mich dort sowieso nie auf. Ich beschloss, mich auf meinen Wirkungsbereich zu konzentrieren ndash; das unfreundliche Charlottenburg eingeschlossen, um den verknöcherten Spießern eins auszuwischen und sie zu ärgern. Zufälligerweise wohnten dort die erwähnten Freundinnen, die Huren. Durch die Häuser wollte ich nicht ziehen, der Kaiser war ja nicht die Post. Ich brachte also meinen Appell um den Savignyplatz herum an. Sie werden ihn schon aufspüren und lesen. Dann melden sie sich. Ich gab die Internetadresse www.himmel.heiliger.peter an.

Die Kommunisten sammelten sich in der Oranienburger Straße. Damit sie nicht auf die Idee kamen, sie hätten hier die Vormachtsstellung im Verwirrung-Stiften und Wasserköpfe-Machen, klebte ich über hundert Stück. Die Bettler halten sich immer im Zentrum der Stadt auf, für Mitte sah ich also ein paar hundert Plakate vor. Blieben noch die Künstler ndash; klar, Prenzlberg und Friedrichschwein, dort plakatierte ich genauso viel. Bevor ich zu kleben begann, erkundigte ich mich, wie die Sache rechtlich aussah. Es stellte sich heraus, dass man die Erlaubnis der Stadtbürokratie haben musste. Leckt mich! Seit wann hört der Kaiser auf andere? Wo ich nur konnte ndash; besonders gern über anderen Plakaten ndash; befestigte ich meinem Aufruf. Ich lernte, die Klebemixtur herzustellen, und eins zwei mit einem großen Pinsel die auserwählte Stelle, und mich gleich mit eingekleistert. Zur Kontrolle, ob der Kleber hielt, schaute ich am nächsten Tag nach und erstarrte: Die Hälfte der Plakate war weg! Was!? Verflixt und zugenäht! Abgerissen?! Ich klebte noch mal und belauerte die Vandalen. Eine knappe Stunde später kamen andere Plakatierer und klebten ihre Plakate drüber. Die wurden von den nächsten überklebt, mit einem Wort, Raub auf offener Straße. Es galt das Recht des Dschungels, die Letzten waren die Ersten. Zur Sicherheit wiederholte ich das ganze einen Tag vor dem 1. Mai, um die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, dass die Plakate bis zum nächsten Tag durchhalten. Manche befreundete Kneipiers machten meine Plakate an ihren Pforten fest oder drinnen am Ehrenplatz: Am Bierhahn. Zehn Tage zuvor hatte ich an meine Fans einen Bekanntmachung ausgegeben, damit die Pantoffelpost Interessierte informierte. Leider muss ich gestehen, dass manche Heuchler die erhabene Angelegenheit missbrauchen wollten und um die Adresse der leichten Mädchen »für eine Zigarette und ein Bier« baten. Mir obliegt das Beichtgeheimnis und ich lasse nicht zu, dass meine von Armut gepiesackten Untergebenen ausgenutzt werden.

»Verpiss dich, Scheißkerl!«, knurrte ich.

Der Festtagsumzug sollte in der Torstraße 66 beginnen, an der Kaiserlichen Tribüne, also meinem Wagen, vis-Ż-vis der Polnischen Versager. Einen Tag vor dem Fest ging ich auf die Seite www.himmel.heiliger.peter. Ein Fiasko! Keine Sau dort! Der Spatz verriet mir, dass die Bettler bestochen worden waren, hatten vom Arbeitsamt für den Vortag des 1. Mai finanzielle Unterstützung bekommen. Nun waren sie in den Konsum vertieft, keine Beitrittserklärungen also. Die restlichen Berufsgruppen waren zerstritten. Ich bekam einen Tipp vom Gerichtsvollzieher: Die Künstler sind bei den Damen für die »gerittenen Millionen Kilometer« im Rückstand, der Schuldenberg wächst weiter. Die Geschädigten beschlossen: Kein Vergleich mit den Schuldnern! Ich übernahm in den Geldstreitigkeiten die Rolle des Mittlers und telefonierte mit dem Spielplatz am Kollwitzplatz, dem Senatssitz für behinderte Künstler, und fragte: »Wann werden eure Schulden bei den Huren beglichen?«

Die Antwort war: »Verpiss dich!«

Vor Empörung sprang mir der Hörer aus der Hand, stinksauer rannte ich hin, mit dem Zepter zu prügeln, aber ich traf niemanden dort an.

Ein Fiasko lag in der Luft. So viel guter Wille, eine zündende und naheliegende Idee, doch die verzankten Seiten pfeifen auf den 1. Mai. Ich warte vor dem Tor der Versager, daneben Polizei in Wannen, die ich zum Schutz und zur Versöhnung der zerstrittenen Parteien angefordert hatte. Vor Langeweile lasen die Polizisten den Appell, machten sich mit der Thematik vertraut. Niemand kam, außer einem.

»Macik«, stellte er sich vor.

Verdächtiger Name, geheimnisvolles Aussehen, dachte ich. Verdammt, die Kripo hatten sie mir auf den Hals geschickt! Ich filterte meine Antwort, wusste ich denn, was die ausheckten? Vielleicht hatte er ein Mikro? Ich schwieg fast nur. Er die ganze Zeit tralala, dass man einpennen wollte. Ich war mit den Gedanken woanders, verdaute mit Bitterkeit meine Niederlage. So viel Aufwand und kein Effekt. Müde vom Gebelle des Schlaubergers fragte ich ohne Umschweife, warum sich die benachteiligten Berufsgruppen nicht der guten Sache angeschlossen hatten. Macik antwortete sofort:

»Ego.«

»Was für ein Ego? Was soll das bedeuten?«, fragte ich.

Er schleuderte nur ein Wort heraus:

»Egoismus.«

Und er hielt die Fresse. Ich deklinierte seine Antwort durch alle Fälle hindurch, merke gar nicht, wann er verschwand. Von der Grammatik zu sehr in Anspruch genommen, konnte ich nicht begreifen, was er gemeint hatte. Voller Wut auf die Sinnlosigkeit der Aussage, half ich mir verzweifelt ein Bierchen ein und rief den Heiligen Petrus herbei. Der kam sofort, obwohl er überarbeitet war. Das Bier rührte er nicht an, hatte noch eine himmlische Parlamentssitzung vor sich, da schickte es sich nicht, aus dem Mund zu stinken. Aber er erklärte mir den Philosophen:

»Sie graben sich ihr eigenes Grab.«

Und verschwand.



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