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Der vaterländische Kulturtempel

Wir setzten uns auf der bogenförmige Brücke am Dom und lauschten, ob die Schwarzen ihre Weisungen bekommen hatten. Wenn man ihnen keine Buße auferlegt, würden wir ein Problem haben.

»Von heiligen Stätten sollte man sich immer fern halten. Schließlich bin ich ein schrecklicher Sünder. Luder, los, hin da, lausch an der Tür!«

Er blieb lange weg und kam dann zufrieden angerannt. Das erkannte ich an seinem Schwanz, mit dem er wedelte wie eine Windmühle. Ich wusste, dass er gute Nachrichten brachte.

»Und, Hund, was haben sie gesagt?«

»Die Berliner Kirche und die Nuntiatur sind in panischer Angst. Wie ich das Leben kenne, werden sie einen Stapel Briefe produzieren und ein paar Fässchen vollschleimen.«

»Was geht's uns an? Wir haben unsere Ruhe, wunderbar, können faulenzen.«

Und ich schrie:

»Ich will aber! Geh weg!«

Einen Moment später kam zurück. Ich war in den Konsum vertieft. Von weitem vernahm ich einen Krach, als ob jemand gegen eine Tür hämmerte.

»Ruhe! Was gibt's denn? Kann man sein Bier nicht in Ruhe trinken? Guck nach, was los ist. Und beruhige sie!«

Gleich war er wieder zurück.

»Schwierige Sache, bedarf deines Beistands.«

»Wieso denn?«

»Weil du ein Mensch bist.«

»Wenn das so ist«, sagte ich und schwoll vor Stolz ein wenig an. Wenn sie mich brauchten, musste ich wohl doch jemand sein.

»Und was ist das für ein Lärm?«

»Aus dem Kulturinstitut, die Direktion aus dem Ausland. Deine Landsleute. Irgendein Musiker klopft da vergebens an.«

»Interessiert mich einen Scheißdreck. Beiß den armen Schlucker, er soll das Lärmen lassen!
Ich muss mich aufs Picheln konzentrieren. Bei so einem Trubel vergeht einem der Appetit.«

Das Luder rannte los und kam schnell zurück.

»Ist jetzt Ruhe?«

»Nein.«

»Gleich setzt es was.«

»Du kannst mich hauen, wie du willst, einen Musiker beiße ich nicht. Erleuchtet werde, wer nach Wahrheit sucht.«

»Oh, wie sensibel für menschlichen Schmerz du bist. Leider erst in deinem zweiten Leben. In deiner ersten Verkörperung hättest du den armen Opfern helfen sollten. Das Pfötchengeben kommt ein bisschen spät, Hund.«

Der Lärm wurde durch Geschrei verstärkt.

»Macht auf, Landsleute. Ich bin in Not.«

Und so ging es immer weiter. Das war zu viel. Ich trank rasch aus.

»Wir sehen uns das mal an. Der Typ muss beruhigt werden.«

Vor Ort fanden wir einen gestressten, eleganten Kerl mit einem Klavier, der mit seiner knöchrigen Faust gegen die Tür hämmerte. Nach einem Verrückten sah er nicht aus, alles an ihm war schick, irgendwie normal. Komische Situation! Ich ging auf ihn zu und fragte höflich, ob ich meinem Landsmann helfen könnte.

»Sie wollen mich mit dem Instrument nicht reinlassen.«

»Warum denn nicht?«

»Bitte? Mein Name ist Genie, ich bin Jazz-Pianist.«

Oh Mann, das war eine bekannte Persönlichkeit. Auf der ganzen Welt berühmt. Was für ein Glück, solch einem vorzüglichen Landsmann zu begegnen. Soweit ich wusste, lebte er in den Staaten.

»Mensch, was machen Sie denn hier?«

»Mein Schiff ist auf meiner Weltreise an einem Riff zerschellt. Ich hielt mich an meinem Klavier wie an einem Rettungsring fest und habe so überlebt. Ein Brecher hat mich an den Dom gespült. Nun suche ich Schutz bei meinen Landsleuten.«

»Recht so.«

»Warum lassen die mich nicht rein? Schauen Sie, da hängt ein Zettel.«

»Hm, das Institut ist geschlossen.«

»Aber jetzt ist doch Sprechzeit.«

Das Luder mischte sich ein:

»Einen roten Teppich sollten sie auslegen.«

»Lass die dummen Ratschläge, Schlaumeier. Jetzt bestimme ich. Zuerst muss das Instrument getrocknet werden, es hat zuviel Wasser aufgenommen. Am besten spielen Sie etwas, dann fault es nicht.«

»Bettler, für deine Landsleute ist es ein Fest, dass so jemand an die Tür klopft.«

Irgendwie sah ich das anders. Da war ich wieder in so eine Geschichte hineingeraten, aber ich wäre das letzte Schwein gewesen, wenn ich meinem Landsmann nicht geholfen hätte. Sei es wie es ist, wir müssen etwas tun! Keine Zeit verschwenden, der Künstler hat zarte Händchen. Wenn er weiter so gegen die Tür schlägt, macht er sich seine Werkzeuge kaputt. Über diese Institution wusste ich nur wenig. Zum Teufel, wozu hatte das Schicksal dem Bettler, einem Sohn von Emigranten, dieses Genie ans Ufer gespült, damit er es erlöse?

»Luder, gib Laut, gib alles, Alarmstufe eins!«

Ich begann, gegen die Tür zu hämmern. Von Zeit zu Zeit brauchen die Hände eine nützliche Beschäftigung, denn das Handausstrecken um Almosen zählt nicht. Niemand öffnete.

»Was ist los? Von meinem Trommeln und deinem Bellen würden Tote auferstehen, und hier passiert nichts. Wir haben leider ein Problem, Null Reaktion. Lass dir was einfallen! Dazu bist du da. Welchen Ausweg gibt es?«

»Ich muss nachdenken. Wie wär's mit einem Zigarettenpäuschen?«

»Hund, such, such. Ist jemand drin?«

»Ja.«

»Warum öffnen sie dann nicht?«

»Bestimmt sind sie ohrenkrank oder sitzen zu weit oben.«

Irgendwie war mir das peinlich vor dem berühmten Landsmann.

»Luder, wir klettern hoch und klopfen ans Fenster. Wenn sie uns sehen, müssen sie öffnen.«

Die Methode hatten wir schon am Honeckerturm erprobt. Dagegen war das hier ein Kinderspiel, ruckzuck waren wir am Ziel und schauten rein. Der Salon war voller Menschen, in der Mitte stand ein riesiger Tisch, darauf standen massenweise Gläser und eine Frau, als Cäsar verkleidet. Die Gesellschaft schaute voller Entzücken auf die Frauenstatue in napoleonischer Verkleidung, als leisteten sie einen Schwur oder beteten. Doch was soll's, ich schlug gegen die Scheibe und schrie:

»Aufmachen, unten wartet ein Genie, braucht Hilfe.«

Zur Abwechslung bellte das Luder glockenlaut. Keine Reaktion im Salon. Nur die lebende Statue drehte sich um und ließ ihre rückwärtige Ansicht sehen. Dann bückte sie sich, raffte ihr Kleid und zeigte den Arsch. Die Prätorianer hielten bei dieser Prozedur der Feldherrin die Gläser still, jedes Klirren hätte die Stimmung verdorben.

»Was sollen wir machen? Vielleicht schlagen wir die einbruchssichere Scheibe ein?«

Das Luder antwortete:

»Die hält sogar Schüssen stand. Die da drinnen sind schwer beschäftigt, haben keine Zeit, nach links und rechts zu schauen.«

»Das sind Stoiker. Aber dass die so raffiniert sind, sich ausschließlich dem eigenen Vergnügen zu widmen und tief ins Glas zu schauen? Und das Genie gar nicht zu beachten?«

»Offensichtlich passt der exzellente Künstler nicht in ihr Wertesystem.«

»Wozu sind sie dann da, zum Teufel?«

»Um ihre Eliten von der besten Seite zu präsentieren.«

»Verstehe ich nicht.«

»Ein Künstler muss akkreditiert sein, denn das Institut ist der repräsentative Eckzahn der Diplomaten. Da geht alles nach Veranstaltungskalender.«

»Ach, deshalb machen sie dem Musiker nicht auf. Weil er nur Künstler ist, ohne Beziehungen. Zum Teufel mit ihnen! Wir ziehen ab. Den Kerl müssen wir um des lieben Friedens Willen mit seinem Klimperkasten auf ein Schiff verfrachten und in die Staaten zurück schicken. Soll er Europa vergessen. Auf Hilfe kann er nur bei seinen armen Landsleuten zählen. Wie immer.«

Wir schoben den Kasten pardon, das Saiteninstrument zur Spree und mieteten ein kleines Handelschiff von Severin&Kühn. Die sind spezialisiert auf Touristentransporte auf den Berliner Kanälen. Gegen gute Bezahlung schrecken sie auch vor dem Atlantik nicht zurück. Die Firma verpflichtete sich, den Pechvogel nach New York zu speditieren. Wir verabschiedeten uns so innig, dass mir gar weh ums Herz wurde. Am meisten berührte mich der Satz:

»Ich lade Sie zu mir nach Hause nach Manhattan ein.«

Das war nicht möglich. Er siezte mich! Wie sollte ich einen solchen Menschen nicht achten und helfen? Aber nach New York war es weit und meine Welt reichte nur bis Wannsee. Ich bedankte mich für die Einladung. Dem Genie zu helfen, war mein Dienst an der Weltkultur. Am Ende sagte ich:

»Die Bordbibliothek ist groß. Sicher finden sich da auch Lehrbücher über Künstlerdiplomatie. Auf dem Gebiet haben Sie noch Nachholbedarf.«

Als wir den Pechvogel verabschiedet hatten, sagte ich zum Luder:

»Heute habe ich wirklich alles gegeben. Wir haben gute Arbeit geleistet. Was für Schweinereien doch überall passieren, pfui, das ist mir gar nicht klar gewesen. Unser Tagwerk ist getan, nicht wahr?«

»Klar. Ich nicke nicht umsonst mit dem Schwanz. Freut mich, endlich hast du begriffen, und wir sind ein richtiges Team.«

Er schickte seinen Bericht ab, murmelte etwas vor sich hin. Als er fertig war, sagte ich: »Wie naiv mein Landsmann doch war! Den Bürokraten ist schließlich egal, ob er berühmt und uneigennützig ist.«

»Bettler, die hüten nur ihren Schreibtisch und mögen es nicht, wenn jemand aus der Reihe tanzt. Wenn sie sich um eine solche Berühmtheit kümmern müssen, stört das ihre Ruhe.«



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