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Die Eingebung

Wütend und in sicherer Entfernung von dem falschen Fuffziger, holte ich endlich frische Luft. Von weitem brüllte ich:

»Hau ab, du Penner!«

Ich lief, so weit mich die Beine trugen, und kam erst zu mir, als ich in ein Wasserbecken fiel. Oh Gott, was war das? Zum Glück kann ich schwimmen und kam halbwegs heil aus der Bredouille. Über das Luder kann ich wirklich nichts Schlechtes sagen, er war blitzschnell zur Stelle und warf mir seinen Rettungsring, sprich die Leine, zu. Jedenfalls kam ich aus dem Becken raus. Mistkerl der, hatte wohl Schiss, dass er die ganze Arbeit allein wird machen müssen.

»Sag mir, Hund, ist das wahr?«, fragte ich.

»Gemeinsam schämt es sich leichter, weißt du.«

»Allein würdest du Mistvieh gar nicht klarkommen. Die Menschen würden dir in den Arsch treten und dich zum Teufel jagen.«

Nach der Überwindung des Wasserleichenschocks kam ich langsam zu mir und fragte: »Wo sind wir?«

»Vor dem Haus der Kulturen der Welt.«

Ich warf ein Auge auf den riesigen Betonbau, der im Gegensatz zur rückständigen Welt modern angelegt war. Meiner Meinung nach hätte mindestens die Hälfte des Gebäudes aus einem Hühnerstall bestehen sollen, das wäre gerecht, dann wäre der Rest des Erdballes ebenfalls sichtbar gemacht, und die Lüge nicht so offensichtlich. »Was denn? Du suchst nach Gleichberechtigung? Das hier ist Rummel, Bettler.«

»Stinkt hier nicht was?«

Ich zog die verschnupfte Nase hoch. Es roch nach Gülle.

»Das ist der Mief der Wahrheit. Hier im Becken hast du die Ergüsse der dunklen Seite der Welt. Durch die Vermischung der verschiedenen ästhetischen Kategorien entsteht gedankliche Essenz. Noch ein Wert von universaler Bedeutung.«

»Was ist daran besonderes? In Nairobi trägt man die gleichen Hosen wie in Berlin.«

»Ja, Bettler, aber der Schnitt ist Patchwork, nur geschickt zusammengestückelt, ein Detail kommt beispielweise von den Reisfeldern, der Rest aus anderen Ecken.«

»Ist in Ordnung. Hier wird jeder promotet.«

»Nur haben die Hinterwäldler nichts davon, Freund. Für Tradition gibt's keine Tantiemen. Und das Zentrum saugt die Peripherien aus.«

»Wie jetzt? Kriegen die Berliner Schneider keine Hose nach eigenem Schnitt fertig?«

»Darum geht es nicht. Die Welt schreit nach Neuem, sie will raus aus dem eigenen Hinterhof.«

»Gut, Hund, das steht allen offen.«

»Von diesem Gebäude der vielen Kulturen haben nur die Starken etwas, das sieht man am Beispiel des Beckens. Man lädt Gäste mit interessantem Oberkörper ein, die sich dann freimachen.«

»Na wenn schon. Künstler sind beweglich wie Zigeuner, sie ziehen um die Welt.«

»Moment, Freund, die besten kommen aus dem Dunkel, wollen ans Licht. Für ein Almosen enthüllen sie ihren Körper. Sie zeigen ihr Skelett, und wenn sie schwitzen vor Anstrengung, waschen sie sich im Becken, hinterlassen somit ihren Schweiß – die Essenz des Verstandes. Darum geht es. Deshalb stinkst du so. Das Wasser riecht nach einer ganzen Kolonie.«

»Kunststück. Das müffelnde Becken muss gereinigt und das Wasser gewechselt werden.«

»Du hast immer noch nichts kapiert.«

»Dann sag, sonst werde ich sauer.«

»Da lässt sich nichts eliminieren, Freund. Das ist pathologisch.«

»Red keinen Mist. So ein Dreck mitten in der Stadt.«

»Nein, das ist die Essenz der Hinterwäldler. Wenn es den Wohlhabenden an Inspiration fehlt, bestellen sie eine Spezialpumpe, pumpen Wasser aus dem Becken und filtern den Schweißextrakt heraus. Der wird getrocknet und in Tablettenform dem Organismus zugeführt. So füttern sie ihr Gehirn, und sind - von dem Futter beflügelt - auf Kommando kreativ.«

»Ich finde das nicht schlimm. Das Becken steht allen offen, wird nicht bewacht, jeder kann es nutzen.«

»Ja, die Demokratie gilt immer nur für die, die was im Portemonnaie haben, und davon gibt es unter den Idioten nicht viele. Das Genie braucht keine Unterstützung, nur die Geschäftsleute.«

»Aha, ich verstehe. Warum handeln sie nicht einfach mit Hosen?«

»Freund, das ist doch keine noble Beschäftigung und wirft auch keinen Profit ab, erst recht keine gesellschaftliche Position. Das Prestige ist der Gipfel der Leiter! Dort hat die Elite uneingeschränkten Kontozugriff.«

»Luder, heißt das, dass ich zum Künstler werde, weil ich in das Becken gefallen bin?«

»Nur oberflächlich.«

»Dann ist ja gut. Hatte schon Angst, dass ich kein Bettler mehr sein werde. Ich scheiß auf ein neues Fach.«

»Keine Angst, du bleibst bei deinen Leisten.«

»Na was für ein Glück. Sonst wäre ich ganz schön in der Klemme! Sag mal, gibt es in Berlin keine Ideen zum Abkupfern mehr, dass man jetzt bei den armen Weltregionen klauen muss?«

»Es gibt einen Ort, an dem kann man hiesige Erfindungen erwerben.«

»Bin gespannt, was das sein soll, und wo.«

»Oh, was höre ich da!? Du fühlst dich allmählich in deine Rolle ein. Es ist die Hasenheide am Südstern in Kreuzberg. Ein paar Querstraßen von hier.«

»Dann lass uns gehen, Hund. Vielleicht lasse ich mich für dein Geld zum Kunstbettler mit Fachrichtung Regionales umschulen. Die Fachrichtung Neger interessiert mich nicht, die Berliner Umsätze übersteigen die in Afrika gewaltig.«

Wir beschleunigten unseren Schritt. Der Hund zog mich an der Leine, so dass ich meine Beine nicht anstrengen musste. Sein Geruchssinn zahlte sich aus, wir fanden auf Abkürzungen zum Ziel, ohne uns zu verlaufen. Zur Vesper- und Kaffeezeit waren wir vor Ort, aber da es Zeit war für ein Mahl, setzte ich mich auf eine Parkbank.

»Luder, ein Getränk für Herr und Herrchen!«

Er zauberte sofort eins her. Ihm blieb auch gar nichts übrig, er wollte seine Ruhe, Siesta, um sich auf die bevorstehenden Schritte zu konzentrieren. Langsam, ohne Eile trank ich aus der Flasche und dachte über mein Schicksal nach. Was sollte ich an meinem Verhalten ändern? So konnte es nicht weitergehen! Sicher, ich musste mit dem Saufen aufhören und eine anständige Beschäftigung finden, aber ein bisschen wollte ich damit noch warten. Später würde ich den entscheidenden Schritt tun und mein ganzes Leben umkrempeln. Und die dort oben würden keinen Grund haben, mich zu triezen. Ganz klar ist ja auch nicht, was die eigentlich erwarten. Das hier konnte sich schließlich bis zu meinem Tode hinziehen. Als die Flasche halbleer war, sah ich mich in der Gegend um. Hier war ich noch nie gewesen, wozu auch. Ich bat Luder um Erläuterungen.

»Diese Gegend steht unter dem Patronat der päpstlichen Nuntiatur, die an den Park grenzt. Sie gewährt den Bedürftigen Asyl, dominiert durch ihren amtlichen Ernst die Umgebung. Unter ihrer Schirmherrschaft findet ein Theaterfestival statt.«

»Spinner! Was kann so ein trostloser Ort schon bieten?«

»Gleich wirst du mit der Nase drauf stoßen und deine Augen öffnen.«

»Na da bin ja gespannt!«

»Es ist das Denkmal einer Frau, der Trümmerfrau.«

Ich fragte, was das mit unserer Angelegenheit zu tun hatte, ich sah keine Logik darin. Da stand ein Denkmal mit einem Kraftweib aus rostfreiem Metall. Kein Wunder, Männer waren damals Mangelware, also wurden nach den folgenreichen Kriegsereignissen die Frauen zum Wegräumen der Trümmer abkommandiert.

»Schau dir ihr Gesicht genauer an.«

Ich gucke hin und sehe, das Denkmal weint.

»Wie ist das möglich?«

»Siehst du, Bettler, jede Skulptur hat eine Seele, auch wenn sie aus totem Material ist. Diese hier zeigt ihre Verzweiflung über die Söhne der Stadt, darüber, dass ihre Aufbauarbeit umsonst war.«

»Dass sie heult, sieht man mit bloßem Auge. Rück mehr Fakten raus, damit die Sache klarer wird.«

»Ich habe dich gewarnt. Hier findet ein Ausverkauf der hiesigen Produkte statt.«

»Und wie soll das aussehen?«

»Vor Verzweiflung verfallen die ÔKunstliebhaber' einer Sucht. Dafür brauchen sie die entsprechenden Mittel, also verkaufen sie ihr Blut an Vampire. Die saugen so lange, bis die Kandidaten reif sind für den nahe gelegenen Friedhof.«

»Ich verstehe nur Bahnhof.«

»Hör zu: Im Blutplasma steckt Kreativität.«

»Das ist ja Kannibalismus! Lässt sich das nicht unterbinden?«

»Nein. Der Park als kirchlicher Besitz fällt unter die päpstliche Gerichtsbarkeit. Die Regierung darf nicht eingreifen, das hier ist exterritoriales Gelände.«

»Und was sagt die Nuntiatur dazu?«

»Sie schickt Missionäre, um die Unglücksraben wieder auf den rechten Weg zu bringen. Aber die meisten sind Atheisten, also hören sie nicht darauf. Es bleibt nur, sie auf den Kreuzweg zu schicken, mit den Parkbänken als einzelne Leidensstationen. Aber auch das trägt keine Früchte. Die Vampire berührt das Leid Christi gar nicht. Später signieren sie die Eingebung mit ihrem Namen.«

»So eine Schweinerei!«

»Ich füge hinzu, dass die Toten natürlich keinerlei Rechte mehr einklagen können. Soviel zu diesem Thema.«

»Dass die sich nicht schämen! Wo bleibt die Moral?«

»Die glauben nicht an ein Leben nach dem Tod, sind innerlich kalt, nur nach außen warm. Auf den ersten Blick Gentlemen, sogar mit Geburtsurkunde.«

»Was können wir denn tun, Luder, um dem Einhalt zu gebieten?«

»Vergiss es.«

»Na hör mal!«

»Sie sind zu mächtig.«

»Wir haben es doch schon mit ganz anderen aufgenommen. Und vor denen hier sollen wir kneifen?«

»Wenn ein Kirchenhaus das nicht schafft, schaffen wir es erst recht nicht.«

»Wozu sind wir dann hier?«

»Wir reichen dort oben Beschwerde darüber ein, dass hier geschlafen wird. Sie sollen die Soutanen raffen und ihre Brillen aufsetzen.«

»Gut, dann sag Bescheid, dass hier etwas vertuscht wird. So ein Theater! Die Pfarreien kriegen was auf die Mütze. Welche Erleichterung! Wir sollten andere auch antreiben, die Welt zu verbessern, Luder. Um die Sauerei im Becken am Haus der Kulturen sollen sie sich auch kümmern! Je mehr wir sind, desto sinnvoller ist unsere Unternehmung.«

»Das denke ich auch. Denen muss man eins auswischen. Die sind zu fett, ein bisschen Hetze wird ihnen gut tun, das begradigt die Wirbelsäule.«

»Blut und Friedhof, nein, das widert mich wirklich an. Da vergeht einem ja die Lust am Künstler-Bettler-Sein. Lass uns von hier verschwinden, uah, es riecht nach Leichenbergen. Die dort oben haben recht, niemand weiß, was hier auf der Erde angerichtet wird.«



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