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Beschreibung des Ofens

Zum Jahresende fahre ich immer in mein Rückzugsgebiet, um mich zu erholen. Ich bin dann müde von dem ständigen Kampf, mich auf dem Berliner Thron zu halten. Dann war mir alles scheißegal. Diesmal kam ich in der zähen Festtagslangeweile wieder zu Kräften, bekam Lust zu arbeiten und schmiedete Pläne für das neue Jahr. Im Winter wollte ich hier bleiben und den verdammten Ofen zuende bauen, den ich vor ein paar Jahren angefangen hatte. Scheinbar handelte es sich um einen einfachen Ofen, aber eigentlich war das ein Meisterwerk an technischen Möglichkeiten: er würde mehrere Dutzend Statuen brennen und über zweitausend unterschiedlichste Keramikprodukte. Ich suchte nach Mitarbeitern, wollte nicht bis an mein Lebensende daran herumfuhrwerken, denn meine Tage waren gezählt. Ein paar Monate plante ich ausschließlich dafür ein. Meine Freunde stichelten schon, meinten, ich würde das nie zuende bringen. Mein älterer Bruder lästerte, er wolle den fertigen Ofen noch vor seinem Tode sehen. Verdammt, ich arbeitete wie ein Ochse, an allen kirchlichen und kaiserlichen Feiertagen. Das sahen sie nicht, sie blieben bei ihrer Meinung, ich würde es nicht schaffen. In dem Nest, in dem ich wohne, findest du keine Fachleute auf dem Gebiet. Wahrscheinlich im ganzen Land nicht. Aus Deutschland wollte ich keine holen, die würden mich all meine Ersparnisse kosten. Wenn man in meiner Stadt sagt, man gibt Arbeit, rennen sie einem die Bude ein. Aus der Menge der Bewerber angelte ich mir einen erträglichen Zeichner, einen Studenten und eine verbissene Schneiderin. Bei mir muss man alles können.

Mit diesem Team begann ich zu arbeiten, brachte den Adepten architektonische Keramik bei. Die Schneiderin fragte ich, ob sie Piroggen machen kann. Sie sah mich an wie einen Verrückten, dachte ich hätte sie zum Kochen angestellt. Ich erklärte ihr, dass Platten, Kacheln und Simse auf ähnliche Weise hergestellt werden. Wenn sie begabt ist, würde sie es schnell kapieren. Und ich hatte Glück: das Weib war geschickt und arbeitete gern. Am Anfang quälte ich sie mit den schwersten Aufgaben.Sie hielt durch. Dann, als sie schon geübt war, schüttelte sie die Produkte aus den Ärmeln wie ein Automat. Das hätte ich ihr weiß Gott nicht nachgemacht, ich philosophierte zu viel. Sie war wie ein Maschinengewehr, der Tisch hüpfte nur so. Ich schnauzte sie an: Jadwiga, langsamer, präziser!

Mit der Projektion des Ofens befasste ich mich selbst, verteilte die Aufgaben. Ich begann mit den einfachsten Dingen, um die Probleme nach und nach zu knacken. Bis jetzt hatte ich immer nur sporadisch daran gearbeitet, nun aber beschloss ich verbissen, den Bau ein entscheidendes Stück vorwärts zu bringen. In Berlin hatte ich immer die große Klappe gehabt, hier aber arbeitete ich hart. Ich brauchte eine Weile, bis ich meine Denkbahnen umgestellt hatte. Das Handwerk ist nichts Banales, sonders etwas sehr Reales.

Ganz oben auf dem Ofen sollte ein Schlafplatz entstehen, von unten nicht einsehbar, aber essentiell, eine Vögelmulle. Ich kletterte mit dem Studenten auf den Ofen, wir überlegten, mit welchem Motiv das Bett verziert werden sollte. Daraus folgen Ursache und Wirkung wie von selbst. Ich entschied mich gegen Flachplastiken, zu viel Aufwand. Der Gedanke ließ sich einfacher mit einem Relief ausdrücken. Wir beschlossen: Auf der rechten Seite des Ofens sollten sexuelle Stellungen angebracht werden, als Lektion. Wir umrissen den Pflichtkanon, basierend auf historischem Wissen. Der Untergrund aus geriffelten Kacheln, damit der Arsch im entscheidenden Moment nicht wegrutscht. Damit man nicht vom Ofen fiel, kam die Matratze in die tiefste Kuhle, mit ausreichender Länge. Besuch von Damen, die mehr als zwanzig Zentimeter größer waren als ich, plante ich nicht ein. Sollte ich an anderen Stellen Küsschen-Küsschen geben wollen, wäre nichts da, und vor lauter Faulheit würde ich nicht hin und her rennen wollen. Auf der linken Seite der Lagerstatt stellten wir die Ergebnisse der Übung dar: gebrochene Herzen, Gericht, Nachkommen usw. An der Kaminwand über dem Kopf sollte ein segnender Engel hängen, über den Füßen zum Ausgleich ein Teufelchen. Das Leben würde das Übergewicht der freundlicheren Seite von selbst nivellieren.

Auf die Seite zum Zimmer sollte eine Nische sein, in der das Brennholz griffbereit liegen würde. Abgeschlossen von einem Bogengewölbe, ausgekleidet mit kleinen Kacheln, so groß wie die Querseite eines Ziegels, vorn Kacheln in Kreisform. Ich brachte eine Schwelle an, sicherheitshalber, damit das Holz nicht auf den Schreibtisch herüber quoll.

Die Vorderwand des Ofens, wo er befeuert wurde, bestückten wir mit glasierten Kacheln mit einer Steinoberfläche, einer Verbindung aus weißem Quarz und roter Keramik. Das wichtigste Element eines jeden Kamins – in meinem Falle eine Kombination mit dem Ofen – war die Feuerstelle. Sie erzeugt Wärme und ist ein wunderbares Mittel gegen Stress, man kann ewig auf die brennenden Holzscheite starren, auf das prickelnde Feuer, das in alle Richtungen Haken schlägt, scheinbar unmotiviert, aber doch steckt da eine geordnete Logik hinter: Es strebt dorthin, wo Sauerstoff ist. Die Feuerstelle beheizt Häuser auf eine Weise, die besser auf den menschlichen Organismus wirkt als sämtliche Anti-Stresspillen, und sie hat keine Nebenwirkungen. Diese ehrenvolle Tatsache muss honoriert werden. Ich schmückte die Heizöffnung mit ‚seriösen’ Keramikfiguren, oben auf der Plastik Köpfe, die aus der Hölle gezogen worden waren. Nur solche halten die drückende Hitze aus dem Ofen aus. Sie stützten sich auf Säulen mit Reliefverzierungen. Manchmal fällt ein brennendes Holzscheit aus der Öffnung, das ist gefährlich, deshalb bedeckte ich den Holzfußboden mit kreisförmigen Kacheln, die das Feuer abschrecken. Die Fugen schmückte ich mit Lagerfeuern, als optische Verlängerung des Feuers aus dem Ofen. Der Schornstein wurde mit dem Ofen verbunden; wenn das Feuer aufhört zu brennen, gibt er die Wärme durch die Öffnungen ab. Damit es nicht blöd aussah, schmückte ich die Kachelöffnungen mit Zeichnungen, auf einer war mein Abbild. Die zweite Platte an der Öffnung stellte – weil ich ja sterblich war – erotische Träume dar.

Zu jedem ordentlichen Ofen gehört auch eine Sitzbank, damit man sich den Rücken wärmen, sich anschmiegen kann, wenn kein feuriges Weib in der Nähe ist. Die Ofensitzplätze fertigte ich aus Keramik, benutzte die gleichen wie für den Sims, abgerundete, damit sie die Schenkel nicht quetschten. Die Sitzbank bogenförmig in alle Richtungen gespannt, so dass eine Person, die sich den Rücken verbrennt, herausschießt und den Platz für andere freimacht. Unter dem Kaminsims befand sich das Fundament der Sitzbank, die Wand war senkrecht, verziert mit Bildern zu verschiedenen Themen, aber im Kanon der erotischen Verführung, in Freskentechnik. Auf der Ofenbank war nicht viel Platz zum Sitzen, obwohl sie lang war. Für eine Fußballmannschaft reichte sie nicht, aber ein paar Personen passten doch darauf. Die Höhe der Bank entsprach der eines Stuhls. Ich empfehle niemandem, mit den Beinen zu baumeln, sonst gibt es einen Arschtritt, denn ich lasse nicht zu, dass die Bilder kaputt gemacht werden.

Gekrönt war der Ofen von einem riesigen Sims, gestützt von hochgewachsenen Beinen, die sich an denen des anderen Geschlechts rieben. Die ganze Figur war durch die Ofenbank untermauert. Jeder Ofen ist mit einer Schornsteinwand verbunden, in der sich die Kanäle zur Rauchableitung befinden, durch die der Ruß abgesondert wird. Dadurch verstopfen die Kanäle, sie bewachsen mit Unkraut. Von Zeit zu Zeit muss gejätet und der Schornsteinfeger gerufen werden. Der will bezahlt werden. Ich fand einen Ausweg. Ich schuf ein arschbackendickes Fräulein in der Stellung von hinten, aus geometrischen Figuren, die einem fallenden Wassertropfen ähnelten. Der Reiniger musste seine Hand zwischen ihre Beine schieben, um das Türchen zum Kaminrohr zu öffnen. Über der Plastik brachte ich ganz oben am Ofen einen Teufelskopf an, der mit dem Finger droht. Dafür, dass der Schornsteinfeger diese erotische Handlung ausführen durfte, musste ich ihn nicht bezahlen.

Hinter der Ecke der Kaminwand brachte ich Regale für verschiedenste Dinge an, die für meine konzeptionelle Arbeit notwendig waren: Fachliteratur und Getränke. Und weil ich kein Tischler war, baute ich statt Holzregalen welche aus Keramik. Die Regale brachte ich zwischen Wand und Kaminwand an, sie endeten mit dem Ofen, sahen wie ausgeschnittene Kreise aus, und die Fugen verschwanden in den Ecken der vielen Wände, damit klar war, wem sie dienstlich unterstellt waren.

So wie die Nutzfläche größer wurde, wurden die Regale nach oben hin immer kleiner, ganz nach dem biblischen Prinzip: Wer hoch steigt, wird tief fallen. Da, wo die Eckwände aufeinander trafen, brachte ich Keramikmodelle von Öfen und Kaminen an. Ich bewies, dass ich auf verschiedene Weisen an ein Produkt herangehen konnte. Im Grunde störten sie mich in meiner Werkstatt, um des lieben Friedens Willen verankerte ich sie an einem festen Platz, sofort war Ordnung im Haus und der Kopf um eine Sorge ärmer. Damit die Regale von der Last der Flaschen nicht durchhingen, stützte ich sie mit schmalen, ausgewalzten Köpfen. Sollen sie ruhig Angst verbreiten, die Gäste erschrecken dass ich ein gefährlicher Mann sei! Dann haben sie mehr Respekt.

Das ist im Grunde alles, was es zum Thema Ofen zu sagen gibt. Er ist über fünf Meter lang und macht das Zimmer wesentlich schmäler. Der Bau beschäftigte mich so sehr, dass ich keine Zeit für Dummheiten hatte. Dann begann ich mit dem zweiten Ofen in der Küche. Hier änderte sich die Thematik. Ich vereinfachte den Bauplan, auf der einen Seite konnte man sich an den Ofen schmiegen, auf der anderen Seite zur Wand hin war Platz für Brennholz. Unten brachte ich parallel an die heizende Wand eine Bank an, verlängerte sie bis zum Ende des Raumes. Die Krone des Küchenkamins bildete der Sims mit Treppenprofil, der abgestützt werden musste, am besten durch eine Plastik mit kulinarischer Thematik. Ich brauchte ein paar Bier, damit mir klar wurde, was zu tun war. Ein Fresssack und ein Ausgemergelter mussten her. Aber ich hatte kein Model. Also ging ich in die Bibliothek, suchte in Medizin- und Kunstbüchern. Einen Scheiß fand ich da, verlor nur Zeit. Ausgemergelte Leichen waren schwer anzutreffen, nur in der ewigen Ruhe, aber Fresssäcke gab es imÜberfluss. Ich sah sie mir genauer an, einer hätte mir beinahe eine verpasst, dachte bestimmt, ich sei schwul. Das Geglotze half mir bei der Konstruktion eines Dickwanstigen. Für den Ausgemergelten fand ich eine einfache Lösung. Ich zog einem Menschenskelett Haut über und hatte so auch die zweite Figur. Damit es im Hause keinen Streit gab, hakten sich der Fettsack und der Magere unter. Der Dicke ist zufrieden, klopft sich mit der freien Hand auf den Bauch, und der Dünne hält ein Glas. Die Oberflächenstruktur des Dicken war glatt, die des Dünnen rau. Beide Gestalten zeigen die Macht der Völlerei und ihre Folgen. Und zum Spaß bekam der Dicke ein fettes aber klitzekleines Schwänzchen, sein Kumpel dafür einen, der bis über die Knie hing.

Unter der Kaminbank brachte ich Fresken zum Thema Völlerei an, die machten wirklich viel Freude. An der Eingangstür Keramikregale für Töpfe; damit sie unter dem Wohlstand nicht zusammenbrachen, stützte ich sie mit hungrigen Köpfen. Ach sollen sie doch ... sollen sie doch von des Kaisers Tisch essen. Die Regale am Rande endeten mit dem Sims, die Kanten waren schlicht gehalten. Alle redeten drum herum. Die Betrüger-Köpfe nutzten ihre Position aus und räucherten das Essen. Auf dass sie zunahmen! Nein, zum Teufel, sicher zerfraß sie von dem Ofenfieber der Krebs.

Den Esstisch stellte ich ans Küchenfenster, also weit weg von den ausgehungerten Klugscheißern. Er war ebenfalls aus Keramik. Wenn die Tischler mich nichts verdienen lassen, lasse ich sie auch nicht. Im übrigen hatten die keinen Schimmer von gutem Handwerk, und noch weniger Geschmack, denn sie machten ihre Möbel aus mit Chemie vollgesogen Spanplatten. Ich war gezwungen, gegen den Strom zu schwimmen, um bei dem Ganzen das Niveau zu halten, und brachte mir deshalb das Tischlern selbst bei. Die Tischplatte war angelehnt an ein ‚Frühstück im Gras’. Diese komplizierte Mahlzeit gelingt immer am besten. Manets Bilder waren vorsichtig und chiffriert, soweit es die Epoche, in der er lebte, zuließ. Ich wagte mich mit meinem Kitsch weiter vor. Ich zeigte einen Mann mit einem ordentlichen Gerät, hatte zuvor Jadwiga konsultiert, die als Frau aus dem Volke wusste, wofür sie lebte. Sie war der Meinung, die Länge des Gliedes sei ausreichend. Um Eleganz und gute Manieren hervorzukehren, bekam der Nackedei eine Fliege und einen Zylinder. Die Dame einen Hut. Ich muss betonen, dass sie einen Arsch hatte, an dem Meister Rubens nichts zu meckern gehabt hätte. Das Pärchen konsumierte Paradiesfrüchte. Fugen zeichneten die Gestalten, die bemalten Kacheln verdeutlichten das Motiv. Der Tisch war für zwei Personen, ich plante keine Familienvergrößerung, aus dem Alter war ich raus und ich war auch nicht dumm. Die Platte brachte ich wegen des Gleichgewichts auf einer dreibeinigen Keramikstütze an – die geschwungenen Rohre waren unten mit gespreizten Raubtierpfoten verziert und am Fußboden befestigt. So sieht der Ofen mehr oder weniger von beiden Seiten aus. Wie ich mich kenne, baue ich bestimmt noch etwas an.

In Deutschland hatte man solche Öfen und Kamine massenweise gebaut. Ich beschloss, zu zeigen, was ich drauf hatte, ihnen eine lange Nase zu machen, damit sie hier sehen, was für einen Fachmann sie in der Heimat übergangen hatten. Auf meiner Ofenbau-Reise in Deutschland traf ich einen Ofensetzer-Philosophen. Er war nicht einmal Meister, hatte die Papiere sonst wo und stand mit den modernen Verbrennungstechniken auf Kriegsfuß. Ich muss gestehen, dass seine Vorgehensweiselogisch war. Er baute Öfen im Keller, und ließ die Wärme, die nach oben stieg, im ganzen Gebäude über Rohre verteilen. Und damit man nicht ständig Holz nachlegen musste, warf man meterlange Scheite, die die vom Förster zugelassene Standardgröße hatten, zweimal täglich in den ungeheuer großen Ofen. Schon war die Wohnung warm. Das war nicht viel Arbeit und man brauchte sich keinen Kopf mehr um die Zwangskosten der modernen Heizanlagen zu machen, wo doch der Wald voller Brennholz war. Außerdem verbreitet frisches Holz einen wunderbaren Geruch im Zimmer! Das Knistern des Feuers, der Holzduft und das warme Flackern der Flammen waren unschlagbar. Ein Meister aus dem Westerwald hat einst erklärt: Wenn man ein Haus hat und ein kaltes Weib, solle man sich ein solches Spielzeug bauen.

Der Bau meines Ofens zog sich aus verschieden Gründen über Jahre hin. Ich hatte auch noch andere Dinge zu tun, arbeite langsam und sporadisch. Immer wenn ich dort war, tat ich etwas daran, denn dann hatte ich Zeit, meine nächsten Schritte in Ruhe zu überdenken. Eile ist nötig nur beim Fliegenfangen.

Und ich hoffe, dass meine ganze Plackerei bei den künftigen Generationen Anerkennung finden wird.